Ein wenig andere Nachworte wären angebracht. Die ersten Nachrichten nach dem ›DD‹ und auf Nachfragen übersandte ich zwei lieben Frauen. (Wer außer Frauen fragt stets zuerst?) Die eine war auf Englisch, die andere in meiner Muttersprache. Um der Authentizität nachzukommen – sie zu wahren –, habe ich beide (fast) so gelassen, wie ich sie einst über einen Messenger-Dienst auf die Schnelle verfasste. Ich zitiere mich am Ende somit selbst (inklusive der Fehler).
Der Stift funktioniert wieder, ... nein! Doch nicht. Fehlanzeige. Scheibenkleister.
Und auch das neue Schreibutensil will nicht so recht seinen Dienst tun, seine mir zugewiesene Pflicht verrichten – sich mir als eine Art von Ventil dienlich zu erweisen. Vielleicht ist das ein Zeichen. Er, der Kugelschreiber, hat nun endgültig schlapp gemacht. Beide waren vom selben Hersteller und sahen sich (folglich) überaus ähnlich. Schade. Jetzt kleckse ich mit einem türkisen Kuli von einem der größten Supermarkt-Ketten in Deutschland. Der Stiftclip ist in einem rosa Farbton gehalten, der Schriftzug des Unternehmens strahlt in Gelb. Insgesamt liegt das Produkt nicht sonderlich gut in der Hand, indes habe ich auf die Schnelle leider keine abgreifbare Alternative gefunden.
Tief in mir haftet ein Trauma. Vermutlich eher ein Meer voller Traumen. Eines davon verfolgt mich mittlerweile mit Abständen – obgleich ruhiger Abschnitte dazwischen – seit über 24 Jahren. Die kurzen Momente der Stille einmal ausgelassen, waren in den bald vergangenen 2½ Dekaden alle Versuche, vor dem eigenen Schatten zu flüchten, von minderem Erfolg gekrönt, der ergo niemals dauerhaft anhielt. Kein Umstand macht es jemals möglich, der symbolischen Entität des Wesenkerns zu entfliehen.
Der zweite Abend begann wie der erste und endete ähnlich. Essen, Bier, Lesen im Freien. Regelmäßige Mahlzeiten sind wichtig, Gerstensaft war notwendig und die finale Lektüre des Sullivan-White-Werks erschien mehr als überfällig. Drei Kapitel lagen noch vor mir. Dazu der Epilog, die Danksagung und das Nachwort. Der 20. Abschnitt begann auf Seite 215 und die Schlussrede endete auf der Seite 251 mit der Zeitangabe ›März 2008‹. An solch unwichtige Details kann ich mich stets spielend leicht erinnern, vielleicht nicht mehr in einigen Monaten, aber allemal für eine begrenzte Zahl an Wochen.
Der zweite neue Nachmittag verdient eigentlich keine Erwähnung, und ich sollte diesen Eintrag gleichermaßen kurz halten wie die Titelei (namens) ›Der 2. neue Tag‹, was – Spoiler Alert! – nicht passieren wird. Drei Tage sind seither verstrichen und ich falle langsam wieder in alte Muster. Dank der Umstellung meiner Ernährung auf vegane Rohkost – Getränke bedingungslos ausgenommen – fühle ich jedoch weiterhin ein enorm gesteigertes Energiepotential in mir brodeln, das überhaupt dafür sorgt die vor mir liegenden spärlichen Zeilen nach einem ›9-to-5½-Arbeitstag‹ anzugehen. Bedauerlicherweise zog ich das Büchlein viel zu spät aus seinem hübschen, handgemachten ›Beutel‹ hervor, und ich spüre wie die verbliebene ›Hellzeit‹ zu schwächeln beginnt; sie löst sich recht bald in die bevorstehende Finsternis auf. Apropos Beutel. Wir müssen darüber sprechen. Respektive ich. Selbst wenn das heißt: Schreiben, bis die Hand abfällt. (I hope you remember.)
Leider kann ich mich heute nicht mehr entsinnen, ob ich zu jenem Schmuckstück bereits nähere Angaben machte, auch zum schönen Buch (an sich) und wem ich es zu verdanken habe, es in meinem Besitz zu wissen. Vor allem aber zu dem gestrickten oder gehäkelten ›Einband‹ – ich bin zu meiner Schande und in der Hinsicht ein dummer und einfältiger Mann, der den Unterschied nicht kennt –, verlangt es einige Worte, eine ›Beutelgeschichte‹ sozusagen.
Der neue Psalm besuchte mich am zweiten angebrochenen Morgen um etwa halb 9, als ich mal wieder – wie an jedem Tagesbeginn – zu meinem ›Losungsbüchlein‹ griff. Auch diesmal war mir das Glück beschieden, denn der Tagesvers des Alten Testaments schlug den Psalm 90 von Moses vor. Die vielleicht bekannteste Passage will ich mal zitieren (nach ELB 1871):
›Denn tausend Jahre sind in deinen Augen wie der gestrige Tag, wenn er vergangen ist, und wie eine Wache in der Nacht.‹
(Notabene: Das war der 4. Vers; das Gebet Moses umfasst gesamt derer 17.)
Während ich das las, traf mich ein mittlerweile über zwei Dekaden lodernder Hintergrund mitten ins Herz, den ich nun zu erzählen versuche.
Der zweite neue Tag ist nicht der Rede wert. Ich verbrachte ihn größtenteils damit, die davorstehenden Seiten niederzuschreiben, dazu versüßte ich mir die Zeit mit Tagträumen und ein wenig Lektüre. Gerade eben bin ich schon gedanklich im Freien. Die Dämmerung wird nicht früher oder später, sondern recht bald einsetzen und ihren vorbestimmten Lauf nehmen. Da ich mein ›Hundebuch‹ noch nicht ganz zu Ende gelesen habe, wird mein ›Tagebuch zum Digital Detox‹ auf sich warten lassen, um von mir weitergeführt zu werden. Ich befürchte sogar, dass ich die hier begonnene Notiz nicht vollenden werden kann und den Eintrag auf einen anderen Zeitpunkt verschieben muss + ich hoffe, es wird der morgige frühe Abend unmittelbar nach der Arbeit sein, wenn meine ›Entgiftung‹ bereits vor Stunden ihr jähes Ende fand. Sicher bin ich mir noch nicht, nur in dem Punkt, dass ich fortsetzen werde, selbst wenn es meiner Hand nicht gefallen wird – sie hat es zu tun. Ich fühle es nicht, die Gedanken digital zu verfassen. Erst im Nachgang soll mir mein ICR – mein Integrated Circuit Recorder, das altbackene Diktiergerät – helfend zur Seite stehen. Bis dahin haben der Stift und das schnuckelige Buch (mir) zu genügen.
Der neue Abend begann mit einer letzten, festen Mahlzeit. Man könnte sie als eine Art roh-köstlicher Antipasti mit deutschen Einschlägen bezeichnen. Nicht jeder Südeuropäer – wahrscheinlich sogar die wenigsten unter diesen – würde Radieschen und Lauchstängel zu seinen Favoriten zählen. Wie auch immer, nach dem Essen folgte ein ›Feierabendbier‹; als es leer war, beschloss ich, ein zweites im Garten zu genießen. Zu jenem Zeitpunkt dunkelte es bereits deutlich und so nahm ich zwei Kerzen mit ins Freie. Die Sitzgarnitur, bestehend aus Tisch und einer Bank aus Holz, lag fünf bis sechs Meter hinter dem Ende der Hofeinfahrt. Das Heck meines Autos lächelte mir von seinem Stammparkplatz ein breites Grinsen entgegen. Die Fahrzeugfront mit Blick gen Straße, so stand es da, nahezu direkt unterhalb meines Gucklochs im ersten Stockwerk, auf dessen inneren Fensterbrett ich alle bisherigen Zeilen in ein schmuckes Büchlein (im Format DIN A6) und wohlgemerkt im Stehen niedergeschrieben hatte. Nebenbei: Kaum eines der Kapitel konnte ich in einem Rutsch, in einem Guss bewältigen, keinesfalls aus Mangel an Inspiration, sondern aufgrund der Tatsache, dass ich das Schreiben mit der Hand nicht mehr gewohnt war. Ich musste also immer wieder Pausen einlegen, spätestens wenn sich der Schmerz vom Handgelenk über den Unterarm hoch zum Humerus und bis in die rechte Schulter drängte, was just jetzt im Moment der Fall ist. Meistens las ich dann zur Erholung ein paar Seiten in einem Buch, manchmal genügte es, ein wenig in der Wohnung herumzulaufen. Bei starker Überanstrengung genehmigte ich mir einige Minuten Entspannung in Rückenlage – mehr oder weniger ausgestreckt auf der kleinen Zweisitzercouch. Und sofern ich die Glubscher nicht schloss, starrte ich an die Holzverkleidung der schräg zulaufenden Wandfläche, die eine Elle nach dem Ende des Sofarückens ihren Anfang nimmt und ab einer Höhe von etwa 2,30 Metern wieder ins Gerade übergeht. Wer sich bisweilen oder soeben vorstellte, dass ich in einer Finnhütte hausen würde, den muss ich hart enttäuschen. Jenes Eigenheim wurde im Jahr 1912 (von meinen Vorfahren) errichtet, und ich kenne kein Nurdachhaus in Deutschland, das so alt wäre. So sieht es aus. So viel (oder wenig) zu meiner Lebensrealität.
Die neuen Gefühle am Nachmittag drangen von außen an mich heran und hatten ergo nichts mit den inneren Vorgängen des digitalen ›Ausnullens‹ zu tun. Und leider handelte es sich dabei nicht um eine Nebenwirkung der Entgiftung. Dennoch – ich kann es nicht leugnen –, eine krude These ging mir im Kopf herum, eine gewagte Vermutung, ein Potpourri aus Gefühlen, akustischen Observationen, gepaart mit einem Happen absurder eigener Erfahrungswerte. Ob auch nur ein einziger Funke Wahrheit vorzufinden sein wird, werde ich, wenn überhaupt, erst am Ende meiner Tage auf Erden wissen, sofern mir natürlich ein langes Leben beschieden sein sollte. Und selbst wenn dem so wäre, in etlichen Jahren dann, bliebe es trotzdem eine über alle Maßen hinausgreifende/hinausreichende, persönliche Note, die ich hier und heute gerne mitteilen möchte. Nein! Korrektur. Ich will und werde sie niederschreiben, in erster Linie für mich als eine Art von Kontrastprogramm, denn eines ist fraglos gewiss: Die Welt begleitet nicht immer Friede, Freude und Einigkeit.






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