Wenn man nichts zu schaffen hat außer Lesen, Schreiben und ab und zu eine heiße Flüssigkeit in sich hineinzuschütten, breitet sich der Geist weit offen aus. Vorstellungen im Innerlichen manifestieren sich bei kleinsten Erscheinungen ins Außen. Trübe Augen, denen man Glauben schenkt, bescheren einem bei kleinsten Veränderungen Illusionen oder dergleichen. Bei mir war es kurz nach dem Erwachen eine Halluzination, von der ich zudem ein Bild schoss (siehe unten). Geschlagene 30 Minuten – gut möglich sogar länger – hat mich das ›Ding‹ hinters Licht geführt. Erst während einer Regenpause – um exakt 10 nach 7 – und unter Zuhilfenahme meiner Digitalkamera mit Weit-Zoom – ist die Verwendung einer solchen Gerätschaft überhaupt erlaubt bei einem Digital Detox? –, beraubte ich mich meiner eigenen Einbildung, die ich nachfolgend zu erklären, sagen wir aufzudecken habe. Nebenbei angemerkt ist es im Moment der Niederschrift Punkt halb 9, die Kanne Kaffee ist leer und ich gönne mir ein paar ›Freiminuten‹ zur Reflexion bei/mit geschlossenen Glubschern.
Es zwitscherte, trällerte, plärrte, gurte und kauzte von Nahem wie von der Ferne. Alle Vögel sind schon da – oder wieder; jedenfalls sind sie alle wach, wie ich nun auch nach meinem 20-minütigen Powernap, der mir tatsächlich gut tat. Vor dem kurzen Einschlummern kamen Erinnerung an einem lang vergangenen Abschnitt meines Lebens hoch, einer Zeit, als ich noch in einer Galeriewohnung im dritten (und vierten) Obergeschoss eines ›Mehrfamilienhauses‹ lebte, das aus 5 Komplexen bestand; meine Niederkunft – umgebend von einer Vielzahl an Studenten – befand sich am äußersten Rand, mehr oder weniger, zumindest hauste ich in der Nummer 1 (von 5). Ich nannte das ganze Konstrukt liebevoll ›Arche Noah‹. Zum einen wegen dem Farbton der Fassade, der in einem Rotbraun gehalten wurde, das – je nach Sonneneinstrahlung – in ein schwaches Orange überging. Zum anderen wegen der langgezogenen Form bei schmaler Breite. Die allermeisten Wohnungen beziehungsweise Apartments waren gen Südwest ausgerichtet, einige überdies direkt gegen Süden. Meine Galerie zählte zu denen, welche ihre Fenster in südwestlicher Himmelsrichtung hatten und sie war somit ein Tor der Helligkeit, welches zum Verweilen einlud – je nach Jahreszeit natürlich. Dadurch, dass es nur eine Schrägwand gab, empfand ich es hingegen in den Sommermonaten nie zu warm im Inneren und auch die Heizung sorgte auf der oberen Etage für ausreichend Wärme an kalten Tagen. Tatsächlich konnte ich sogar Durchlüften, wenn ich meine Haustüre offen ließ und die im Flur befindlichen kleinen Fenster öffnete. Mein einziger Nachbar machte das ebenso, und wir kannten uns obendrein von früher. Wie auch immer, ...
Weswegen ich darauf kam, all das zu erzählen, mag ich mir so erklären: Unmittelbar bevor ich die Lider für mein Nickerchen schloss, bot mir das morgendliche Spiel des Himmels ein Bild an, dass meine einstigen Eindrücke aus jener verflossenen Zeit – es liegt nun 25 Jahre zurück – aus der Versenkung holte und in mein Innerstes projizierte, sprich: es wach rüttelte; fraglos nicht alle, aber irgendeinen winzigen Moment, an den ich mich deutlich erinnern konnte, vermutlich weil er sich unterbewusst bei mir einbrannte, der Augenblick, der damals ein ähnlich helles Blau ans Firmament zauberte, wie es sich mir noch vor einigen Minuten darbot. Morgen mag das alles zwar bereits vergessen sein, doch heute habe ich es festgehalten für die Ewigkeit nach mir.
Und damit zurück zur Einbildung am anbrechenden Tag, womöglich bevor der gute Herr Dorfhahn seinen ersten Ton über die Lippen (sic!) zauberte. Die Angelegenheit ist eh relativ schnell dargelegt. Die Vorstellung, dass es sich derart zugetragen haben könnte, war obendrein gar nicht mal abwegig. Für einen schäbigen Gedanken: Wie eine Taube dem Jagdspiel eines Täuberichs ausgesetzt ist, so war ich dem Spiel meiner Fantasie unterworfen. Selbst wenn der Vergleich gewaltig hinkt, ist die zugetragene Situation der Einbildung einer Gegebenheit, die (so) niemals zutage trat, weitaus schlimmer zu werten als der Umstand einer Einbildung per se. Klingt komisch, da schwer verständlich, weil dumm ausgedrückt – und deswegen muss ich es wohl erklären. Dafür zerpflücke ich mal ein Zitat aus dem Alten Testament auf das Wesentliche:
›Denn der HERR liebt das Recht [...].‹
Um es zu verdeutlichen, ziehe ich eine andere Übersetzung des Psalms 37,28 heran, die da lautet:
›Der Herr hat das Recht lieb [...].‹
Davids Psalm – ich kann nicht anders als Ausholen – mit seinen 40 Versen war prophetisch und ist weiterhin brandaktuell deutend zu lesen. Zusammenfassend wird davon geweissagt, dass die Ungerechten ausgerottet werden – eines Tages in der Zukunft – und man als Gerechter beharrlich aushalten soll, selbst wenn man in der Minderzahl ist. Ich mag mächtige Psalmen durchtränkt voller Zuversicht – und das ist einer wider den Gesetzlosen und für diejenigen, die G’ttes Gesetze halten. Der herausgezogene ›Schnipsel‹ passt jedenfalls perfekt zu meiner Haltung, die gleichsam die Gesetze der Menschen (mit) einbezieht, derer ich bestrebt bin zu achten, selbst wenn sie manchmal noch so abwegig sein mögen, und in überwiegender Weise versucht bin zu halten. Für viele meiner Artgenossen ist das in der einen oder anderen Situation nicht wirklich nachvollziehbar und befördert in ihnen gelegentlich Frustrationsempfinden, oft gepaart mit Unverständnis. Wenigen erkläre ich mich und die meisten wollen es nicht hören, wenn ich beginne, von meinem Glauben zu sprechen. Deshalb verkürze ich meine Argumentation an der Stelle auf zwei Fragen: 1.) Wenn der HERR das Gesetz liebt, wie käme ich darauf es zu verneinen? 2.) Wenn eine große Anzahl meint etwas zu tun, von dem alle wissen, dass es Unrecht ist, weshalb sollte ich mich ihrer Verbrämung anschließen?
Unabhängig vom menschlichen Recht, wird jedem Erwachsenen klar sein, dass es keine gute Idee ist, inmitten einer Straße länger zu verweilen, wenn diese nicht gerade für den Verkehr gesperrt ist. Insbesondere der Nachsatz ruft förmlich nach einer Fallentscheidung. Was dabei vergessen wird, ist das Offensichtliche: Das Recht wird gebeugt und auf die Gesetzgebung wird töricht gespuckt. Von Weisheit zeugt es allemal nicht. Ein Gleichnis von Jesus besagt (arg paraphrasiert), dass man ein Haus auf festem Fundament bauen soll und nicht auf losem Untergrund. Es muss ein bisschen quergedacht werden, um es in den Kontext zu schmieden. Nachgedacht werden darf später. Da es bereits dreiviertel 11 geschlagen hat, werde ich meinen Text an der Stelle abkürzen: Ich mag es nicht, wenn Menschen auf Gutdünken das bestehende Gesetz missachten oder gar auf ihr eigenes Recht im Unrecht pochen. Womit ich nun endlich auf meine ›Vision‹ zu sprechen komme: Vor rund 4 Stunden war ich der festen Überzeugung, dass zwei Personen auf der Straße standen und miteinander plauschten – nicht kurz, sondern eine geschlagene halbe Stunde. Klar war kein Verkehr an einem Sonntagfrüh zu erwarten. Alles gut, mag man denken. Ich nicht. Selbst wenn es nur ein paar Minuten gewesen wären, hätte es mich zum Kopfschütteln gebracht, vermutlich nicht nur sprichwörtlich. Mit jeder Zeigerumdrehung wurde es für mich härter, nichts Schändliches über die fiktiven Straßenschwätzer zu denken. Glücklicherweise erkannte ich meinen Irrtum, als es heller wurde. Der Albtraum in der Wachzeit ging zu Ende, wie auch dieser Abschnitt (– prompt und ohne ›Umwege‹).
