Die alten Pfade beschritt ich zur Mittagsstunde (gemäß irregulärer Sommerzeit). Zu allem Überfluss waren davor und indes ein paar Dinge zu regeln. Der Inhalt der Kanne näherte sich seinem unweigerlichen Ende entgegen. Mit dem letzten Schluck galt es sich für mich zu ›kultivieren‹. Zuerst hatte die Gesichtsbehaarung zu weichen, danach ging es an die ›Katzenwäsche‹ inklusive der Reinigung der ›Beißerchen‹. Die Garderobe fiel schlicht aus: Jeans, T-Shirt und Hemd sollten es tun, sollten genügen, um kaum aufzufallen, nicht hervorzustechen von den mit höchster Wahrscheinlichkeit anzutreffenden Menschen – oder sagen wir es freundlich und förmlich: vor der lieben Mitbürgerschaft.
Vom Aufstehen bis zum Momentum meines Auszugs aus dem Haus, hinfort von Hof und Garten, begleitete mich ein unerträgliches, ein geradezu grässliches Geräusch. Ein fleißiger Hand- oder Heimwerker bediente mit enormer Leidenschaft seine Stichsäge. Das Störgeräusch kam aus nordöstlicher Richtung und schallte unaufhörlich direkt zu mir und hinein in die verqualmte Raucherstube. Ehe ich mich besann, von dannen zu ziehen, überlegte ich mir, ob ich vielleicht den alten Pfad etwas verändern sollte. Ein kleiner Umweg schadet bekanntlich manchmal nicht. Rein der Neugier wegen wollte ich den Übeltäter – den Lärmproduzierer namens ›Holzschneider‹ – ausfindig machen, um ferner in Erfahrung zu bringen, ob dessen laute Tätigkeit ein Hobby wäre oder ob ein Beruf dahinter stünde. Als ich noch rätselte, worin genau der Unterschied zwischen einer Freizeitbeschäftigung und einem Broterwerb lag – warum auch immer ich mich das fragte –, entschied ich mich dagegen. Krach ist Krach – und wenn der Mensch eine Eigenschaft in sich trägt, die er vorzüglich beherrscht, um sie ins Äußere zu katapultieren, dann ist es diese. Mein unterdrückter Hass musste sich nicht in einer Person offenbaren, ihr oder sein Angesicht bedurfte keiner Vergegenwärtigung. Jenes Individuum könnte man mit jedem anderen austauschen, mich eingeschlossen. Das würde, so gesehen, zu wenig führen. Zudem sind die alten Pfade mittlerweile recht gut eingetreten. Ohne Verkehr auf den Straßen und den Bürgersteigen vermag ich sie bestimmt blind (zu) meistern. Zwar hatte ich meine Schritte nie gezählt und der Hinweg unterschied sich stets bewusst vom Rückmarsch, trotzdem würde ich es mir zutrauen.
Die (echten) neuen Pfade sind gänzlich andere, selbst wenn sie an sich nichts mit einem Spaziergang zu tun haben. Und doch sind sie irgendwie bekannt und vertraut, obgleich es schon so lange zurückliegt. Ich wanderte auf ihnen einst – vor nahezu 23 Jahren! –, damals allerdings um einiges konsequenter.
Die Geschichte, die ganze Misere, fing vor etwa 5 Wochen an und die Nachwirkungen spiegeln den wahren Beweggrund meiner Handlungen wider. Kurzum begab es sich so: Infolge von hartnäckigen Ohrenschmalzes vernahm ich auf meinem rechten Lauscher für mindestens 4 Wochen Geräusche äußerst eingeschränkt. Selbstverständlich hatte ich kontinuierlich auch Schmerzen und meine eine Gesichtshälfte – vom Scheitel bis zum Kinn – fühlte sich nahezu durchgehend taub an. Die Kirsche auf der Torte wurde mit einem Tinnitus ersetzt. Diese fatale Situation änderte zwangsläufig und auf drastische Weise meinen Alltag. So war ich es beispielsweise leid Musik zu hören. Irgendetwas zu sehen, wo gesprochen wurde, verkam zum Gegenteil von Freude oder Wonne. Die treffliche Beschreibung von herangetragenen Geräuschen an sich läge im Wort Unerträglichkeit. Eine wesentlich unangenehmere Unerträglichkeit als die Schallemission, die der ›Holzschneider‹ mit seiner Tätigkeit direkt zu mir beförderte. Eine weitere Anekdote veranschaulicht eventuell mein Befinden: Wenn Leute mit mir redeten und auf der falschen Seite (zu mir) standen, begann ich zu lachen, freundlich zu grinsen oder zu nicken, weil ich sie nicht einmal halb verstand. Und nein, solche Konstellationen zu meiden, war unmöglich, sonst wäre ich unfähig darüber zu berichten.
Kurzum²: Es war eine sehr schlimme Phase in meinem Leben, die ich rückwirkend (betrachtet) – so seltsam sich das ›anhören‹ mag – keineswegs missen will, denn: Die ›Erkrankung‹ rüttelte mich in der Mitte meines Lebens (?) wach. Wer nichts hören will, denkt viel nach, sofern er nicht gerade die Stille genießt oder versucht ist, im Traum die Erholung zu finden.
Kurzum³, und um es tatsächlich an der Stelle flott abzukürzen: Ich ernährte mich auf ein Neuerliches roh-vegan, größtenteils jedenfalls. Selbst nach der Wiedererlangung meines Hörvermögens blieb ich dabei. Ohne (Heiß-)Getränke komme ich auf geschätzt 99 % rohem/ungekochtem Essen pro Tag. Weswegen ich bisweilen nicht davon abkam, kann desgleichen recht flott erklärt werden. Ich fühle mich besser damit. Ich bin fitter. Ich bin leistungsstärker. Ich benötige seither massiv weniger (an) Schlaf. Ich ertrinke nahezu in Lebensenergie und sehe obendrein die Dinge um mich herum und die Geschehnisse in der Welt in einem gänzlich anderen Licht, das viel Positives ausstrahlt. Persönlich bin ich mir aber im Klaren, dass meine neue Sicht noch um einiges ausbaufähiger ist. Die reine Nahrungsumstellung erwies sich lediglich als ein erster Schritt. Niemals darf ich vergessen, dass die zeitweilige ›Behinderung‹ in vielerlei Hinsicht einen höchstpersönlichen Wake-Up-Call für mich abgebildet hatte, inklusive zahlreicher Augenblicke mit tiefgreifenden Erkenntnissen. Die veränderte Ernährungsweise beizubehalten, erschien mir folglich als die einzig wahre Konsequenz. Oder, aus meiner Warte betrachtet, als ein gläubiger Mensch, verstehe ich es so, dass der HERR mir einen kleinen Wink mit dem Zaunpfahl mitgab. ER reichte mir einen Strohhalm, und ich griff danach. Heute weiß ich: Eine Beeinträchtigung kann eine Chance sein.
Währenddessen ich diese Zeilen schreibe, befinde ich mich weiterhin in einem Stadium des Heilungsprozesses, was beileibe gut, richtig und wichtig ist. Ein Erklärungsansatz könnte so ausfallen: Der Same der Information, der tief verwurzelt in jeder Pore von uns steckt, übertrumpft prinzipiell alle menschgemachten Meisterwerke. Hat ein Sinn oder ein Sinnesorgan ein Problem, ist er/es eingeschränkt in der Ausübung seiner Fähigkeiten, greifen unsere Zellen auf die Information, die in ihnen eingebettet wurde, zurück. Und wir haben nichts beizusteuern. Ein automatisierter Prozess läuft, wie der Name es hergibt, von alleine. Jeder kennt das Phänomen. Es ist keine Neuigkeit unter der Sonne. Niemand badet sich in Eleganz, eingehüllt in einem atemberaubenden Kleid. Wer sich auch nur ein einziges Mal im Dunkeln zurechtfinden musste, der weiß davon ein Lied zu singen. Die anderen Sinne springen für den abhandengekommenen ein. Ist man solchen Verhältnissen länger ausgesetzt, schärfen sich die übrigen Sinne um ein Vielfaches. Die uns mitgegebene Information drängt an die Oberfläche, um uns eine Stütze zu sein, eine Hilfe in der Not sozusagen; ihr Gegenspieler ist unser Drang, unser eigener Wille, und die Ungeduld ist ihm ein getreuer Partner. Zusammen agieren Drang/Wille und Ungeduld als ein gefährliches Team. Ist die Ausgangslage nicht von vornherein hoffnungslos, gewinnen sie in aller Regel die Oberhand, denn zumindest anfänglich versucht ein halbwegs ausgereifter Mensch aufkommende Probleme eigenständig lösen zu wollen. Schafft er es nicht, ist er bestrebt das eigene Heil im Äußeren zu suchen (und zu finden). Und damit einher schwindet das Vertrauen auf die ›eingepflanzte‹ Hilfe im Inneren.
Selbstredend ist es nie verkehrt, wenn man einen Heilungsprozess mit Anwendungen, Mittelchen und dergleichen unterstützt, insofern die Verfahren nicht derart radikal sind, um unsere Information förmlich ins Abseits zu stellen und somit aus dem ›Spiel‹ herauszunehmen, sie vom Geschehen fernzuhalten. Mit einer viel zu frühzeitig einsetzenden Heilung erhöht sich die Gefahr, dass man sich bald nicht einmal mehr daran erinnert, jemals ein Problem gehabt zu haben. Der Körper geht nicht gestärkt aus der ›Krankheit‹ in die Gesundheit über. Der menschliche Geist vergisst schnell, weil er vergessen will und nur zu gerne schwere Perioden verdrängt.
Back to me—and for some final thoughts: Obgleich ich noch lange nicht über den Berg bin, hatte ich Glück einen Arzt zu finden, der ein extremes externes Eingreifen (in meinem Fall) unter keinen Umständen befürwortete. Naturgemäß verlängerte sich dadurch meine Leidenszeit. Auf der anderen Seite schärften sich mindestens drei Sinne. Zuerst der Geruch, dann das Schmecken und zum Ende hin das Fühlen; letzteres bezog sich nicht nur auf das von außen an mich herangetragene, sondern auch auf das innere Empfinden. Lange verborgene, jäh vergrabene Gefühle traten ungewollt an die Oberfläche, waren manchmal sogar derart präsent, dass sie mein Wesen auf eine sehr direkte Art und Weise beeinflussten – ohne dass ich dagegen etwas ausrichten konnte. Tbh, wollte ich das zu keiner Sekunde, egal wie betrüblich es sich ab und an darbot. Wir Menschen sind ein Sammelbecken von Emotionen, das weder Abfluss noch Überlaufen kennt. Nichts mag entrinnen. Unser Wille kann den Versuch unternehmen, sich dem entgegenzustellen, standhaft sich zur Wehr zu setzen, doch einen Sieg wird er nicht erringen, wenn es hoch kommt, kann mit Mühe ein Unentschieden, ein Patt, erzwungen werden. Und wer sich als sicherer Gewinner währt, wird am Ende eine bittere Niederlage hinnehmen müssen.
Zurück zu den alten Pfaden: An gewissen Tagen gilt es auf Nahrungssuche zu gehen. Und wenn der eigene Garten zu wenig abwirft, man zu faul ist, den Weg in die Natur zu beschreiten, um dort etwas aufzugreifen, dann wird oft der bequeme Pfad zu einem örtlich ansässigen Verkaufsladen in Augenschein genommen. Darüber – man höre und staune – gibt es rein gar nichts zu berichten. Die ›Geschichte‹, die Niederschrift über die ›neuen Pfade‹, kann hiermit und an der Stelle mit einem letzten Punkt enden, was mich kaum glücklich machen wird, denn bis auf ihre Länge, will ich der Erzählung nicht sonderlich viel Gutes abgewinnen; mein ›Digital Detox‹ tut, als ob er eine Suhle in der Betonwüste suchen würde und sonnt sich dabei ad interim genüsslich im Schatten. Große Sprünge wagen? Wozu? Die Geduld ist sein Hauptsponsor.
