Der neue Morgen begann um kurz nach 7 Uhr. Meine erste Tat bestand darin, die ›Zerstörung‹ des Nachtlagers voranzutreiben. Der Rückbau der Liege zu einer Sitzfläche hatte noch vor der ersten Zigarette oberste Priorität. Als die Ordnung binnen kürzester Zeit wieder hergestellt worden war, kamen die Verunreinigungen zutage. Denn wenn man ein ausziehbares Sofa in 12 Jahren kein einziges Mal als Schlafmöglichkeit nutzt, dann sammeln sich unweigerlich Dreckpartikel an; in meinem Fall waren es größtenteils Staubablagerungen in Form von Knäueln. Die erste Fluppe musste ich mir gleichsam schwer erarbeiten.
Ehe ich mich versah, war der neue Morgen abermals auf schiefe Gleise geraten, auf denen kein Zug fahren sollte, vorausgesetzt der werte Oberschaffner bestünde auf eine baldige Entgleisung [sic!]. Die üblich gewordenen ›Untugenden‹ schlichen sich jedenfalls erneut ein. Mein Tag war keine 30 Minuten alt, als ich mir eine Tasse Kaffee mit einem weiteren Glimmstängel gönnte. Die ›kühlschrankwarme Hafermilch‹, das oat water, brachte den Inhalt des Heißgetränks auf eine erträgliche Temperatur und ein Teelöffel Agavendicksaft sorgte für eine ›Versüßlichung‹ der bitteren Note.
Auf dem Fensterbrett wartete meine tägliche Bibellesung aus der 295. Ausgabe des Losungsbuches der Herrnhuter Brüdergemeine mit dem Untertitel ›G*ttes Wort für jeden Tag‹. Daneben lag meine bevorzugte Übersetzung der Heiligen Schrift, die ›Elberfelder‹, im alltagstauglichen DIN-A6-Format. Stets wenn ich Zeit hatte oder diese mir gönnte – weil mir eine Passage besonders zusagte/gefiel – nahm ich ›mein Taschenbuch‹ zur Hand, um tiefer in die Worte des HERRN einzutauchen, ein wenig weiter zu schmökern, sie auf ein Neues zu studieren. Überwiegend dreht es sich dabei um Texte aus einem der 5 ›Moische-Werke‹. Im sogenannten Alten Testament gibt es keine Bücher, die mich mehr faszinieren und schwerpunktmäßig interessieren, als diese 5 Abschriften. Ich kenne sie besser als alle anderen Überlieferungen. Insbesondere das erste Buch Mose habe ich bis zu einem gewissen Punkt zu meinem Steckenpferd gemacht. Und obgleich ich es schon so oft gelesen oder gehört habe, würde ich mich wahrlich nicht für einen Experten halten. Und das ist auch gut und richtig so. Wer sämtliches Wissen in sich trägt, kann nicht überrascht werden und ist gegen neue Erkenntnisse (quasi) immun. Das trifft natürlich nur auf uns Menschen zu. Der HERR ist da anders gepolt. Er hat Mose nicht aus Spaß an der Freude seine Worte diktiert. Ich denke, er wollte uns damit zum Nachsinnen anregen, unabhängig davon, in welcher Epoche wir existieren. Seine Worte sind stets lebendig. Lediglich ein Schöpfer, der zeitlos existiert, kann so etwas vollbringen. Und Mose war nach Noah einer seiner treuesten ›Knechte‹ (– die Geschichte um Abraham ausgeschlossen). Fragt man mich, sollte sich jeder Mose 1–5 zumindest einmal in seinem Leben zu Gemüte führen – und zwar aus vielerlei Gründen, was jedoch den Rahmen hier (oder sonst wo) sprengen dürfte. Über meine Passion könnte ich weitaus mehr Seiten füllen, sodass ein Morgen nicht annähernd genügen würde. Ich halte daher schlicht und ergreifend fest, was zum Verständnis meiner Aufzeichnungen notwendig ist: Bereshit ist meine bevorzugte Schriftrolle; der Christ nennt es ›Genesis‹.
Back to my cup of coffee und der Tageslosung. Das Glück war mir zur frühen Stunde beschieden. Die ersten zwei Sätze, die ich las, die meine müden Augen in sich aufnahmen, gingen so:
›Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.‹
(1. Mose 4,7)
Im nächsten Vers erschlägt Kain seinen Bruder Abel. Unmittelbar darauf erfahren wir die Geschlechterfolge Kains nach seiner Verbannung; im Kapitel 5 folgt dann die von Seth bis Noah. Die Toledot-Abschnitte begeistern mich mit Abstand am meisten. Das klingt eventuell für den ein oder anderen seltsam, denn Geschlechtsregister sind alles, aber ganz sicher nicht spannend – zutreffender wäre wohl die Umschreibung ›langweilig‹. Nicht allerdings für mich! Mit Hilfe dieser aufeinanderfolgenden Auflistungen der Nachfahren habe ich bereits vor vielen Jahren einen Zeitstrang mit einem Tabellenkalkulationsprogramm angefertigt. Das umfangreiche Verzeichnis machte mich zwar nicht zu einem fundamentalistischen Anhänger der Schöpfungslehre, verhalf mir aber später dazu, ein bekennender ›Junge-Erde-Kreationist‹ zu werden.
Wie auch immer, für mich war klar, wohin mich mein ›Morgengebet‹ führen würde, da meine einstige Leidenschaft ad hoc wiedererweckt wurde. Ich war sozusagen Feuer und Flamme, wie beim ersten Mal anno dazumal, als ich die Genealogie schriftlich festhielt, um sie im Nachhinein in eine digitale Form zu pressen. Derart beflügelt griff ich ergo zum erstbesten Heft (– es war ein kleines Star-Trek-Notizbuch –) und schrieb dort, just for fun, jeden einzelnen Namen hinein (s. Abb. u.). Die Geschlechtsregister der Bibel sind für mich eben wie eine Lieblingsspeise. Man kann sie nicht oft genug essen und wird ihr niemals überdrüssig.
Bei Abram (Abraham) hörte ich letztendlich auf. 20 Generationen reichten mir für den ersten neuen Morgen – oder besser gesagt: für die erste Hälfte des ersten neuen Tages.

