(-;-) GzN

(-;-) aufgenommen via Integrated Circuit Recorder & zeitverzögert vertextet

Digital Detox – Der neue Abend
Der neue Abend begann mit einer letzten, festen Mahlzeit. Man könnte sie als eine Art roh-köstlicher Antipasti mit deutschen Einschlägen bezeichnen. Nicht jeder Südeuropäer – wahrscheinlich sogar die wenigsten unter diesen – würde Radieschen und Lauchstängel zu seinen Favoriten zählen. Wie auch immer, nach dem Essen folgte ein ›Feierabendbier‹; als es leer war, beschloss ich, ein zweites im Garten zu genießen. Zu jenem Zeitpunkt dunkelte es bereits deutlich und so nahm ich zwei Kerzen mit ins Freie. Die Sitzgarnitur, bestehend aus Tisch und einer Bank aus Holz, lag fünf bis sechs Meter hinter dem Ende der Hofeinfahrt. Das Heck meines Autos lächelte mir von seinem Stammparkplatz ein breites Grinsen entgegen. Die Fahrzeugfront mit Blick gen Straße, so stand es da, nahezu direkt unterhalb meines Fensters im ersten Stockwerk, auf dessen inneren Fensterbrett ich alle bisherigen Zeilen in ein schmuckes Büchlein (im Format DIN A6) und wohlgemerkt im Stehen niedergeschrieben hatte. Nebenbei: Kaum eines der Kapitel konnte ich in einem Rutsch, in einem Guss bewältigen, keinesfalls aus Mangel an Inspiration, sondern aufgrund der Tatsache, dass ich das Schreiben mit der Hand nicht mehr gewohnt war. Ich musste also immer wieder Pausen einlegen, spätestens wenn sich der Schmerz vom Handgelenk über den Unterarm hoch zum Humerus und bis in die rechte Schulter drängte, was just jetzt im Moment der Fall ist. Meistens las ich dann zur Erholung ein paar Seiten in einem Buch, manchmal genügte es, ein wenig in der Wohnung herumzulaufen. Bei starker Überanstrengung genehmigte ich mir einige Minuten Entspannung in Rückenlage – mehr oder weniger ausgestreckt auf der kleinen Zweisitzercouch. Und sofern ich die Glubscher nicht schloss, starrte ich an die Holzverkleidung der schräg zulaufenden Wandfläche, die eine Elle nach dem Ende des Sofarückens ihren Anfang nimmt und ab einer Höhe von etwa 2,30 Metern wieder ins Gerade übergeht. Wer sich bisweilen oder soeben vorstellte, dass ich in einer Finnhütte hausen würde, den muss ich hart enttäuschen. Jenes Eigenheim wurde im Jahr 1912 (von meinen Vorfahren) errichtet, und ich kenne kein Nurdachhaus in Deutschland, das so alt wäre. So sieht es aus. So viel (oder wenig) zu meiner Lebensrealität.
Immer wenn ich an die (schräg zulaufende) Decke blickte, begann es in mir regelmäßig (und unerwartet) zu denken. Wollte ich das Denken vermeiden, machte ich die Augen zu. In solchen Fällen eröffneten sich mir binnen weniger Sekunden Träume. Bilder und Sequenzen huschten an meinem inneren Auge vorbei. Kompositionen schlossen sich an, oftmals waren es Wolken – hier und da kommend, ab und an gehend; Strukturen, auf die ich keinen Einfluss ausübte, obgleich ich es jederzeit hätte tun können. Denn: Will ich all das nicht haben, so sehe ich es auch nicht; ungeachtet dessen erscheint es ohne meinen expliziten Wunsch. Habe ich jedoch das Verlangen, den Schlaf zu finden, bleibt das mehr oder weniger schlecht Angeschnittene aus und mit etwas Glück träume ich dann schlussendlich, wie jeder andere träumt, so meine ich. Pardon. Meine Hand schmerzt abermals, ich brauche eine Schreibpause. [Merke an mich: Ich sollte meine Tagträume irgendwann mal festhalten.]
Bewaffnet und bepackt mit einer Flasche Bier, zwei Kerzen, Zigaretten, einem Feuerzeug, dem Haustürschlüssel, einem Buch und einem Sitzpolster ging es hinaus in die abendliche Luft. Am äußersten Ende der Bank nahm ich meinen Platz ein, links von mir der kleine Garten hinter dem Haus, keine drei Meter entfernt konnte man das erste Beet entdecken. Na ja, nicht wirklich, denn ganz am Anfang ruhte einen Meter unter der Erde meine zuerst verstorbene Hündin, eine ungarische Bracke namens Selma. Weitere circa 1 ½ Meter daneben wurde meiner zweiten verstorbene Hündin – Adelhaid, eine Labrador-Retriever-Blondine – ihre endgültige Ruhestätte zugewiesen; sie war älter als die Jagdhündin und verlebte weitere 3 ½ Jahre nach deren viel zu frühem Entschlafen. Ein Trauerstein mit der Aufschrift ›Wir vermissen euch‹ liegt auf dem ersten Grab, eine signalrote Laterne steht gewöhnlich auf der zweiten Fläche. Da diese aber zwischenzeitlich ›voll bewirtschaftet‹ wird – nur 8–9 Monate nach ihrem Ableben durften dort Zierkürbisse das Licht der Welt erblicken – ist die Gartenleuchte von ›Labrador nach Ungarn umgesiedelt‹; wobei sie in rauen Wintern zeitweilig wieder ihren ursprünglichen Bestimmungsort einen Besuch abstattet. Weil an jenem Abend allerdings ein schwacher Wind aus Nordwest wehte, entführte ich das gute, signalrote Stück für einige Stunden und nutze sogleich die Gelegenheit es von Schmutz und Erde mit einem Handbesen zu befreien, ehe ich es auf den Tisch postierte. Anschließend entzündete ich die mitgebrachte Kerze und stellte sie hinein. Das andere Paraffin-Teil befand sich in einem Glas, was genügend Schutz vor dem lauen Sommerlüftchen bot.

Der klare Himmel blieb meinen trüben Äuglein verwehrt, denn über mir rankten sich Weintrauben, die fast schon erntereif aussahen. Etwa 4–5 Meter rechts von meinem Standort lebte der gute, alteingesessene Birnbaum, dessen Früchte ebenso einen durchaus genießbaren Eindruck bei mir hinterließen. Dank meines im Hof abgestellten Automobils – ein weinroter Kia Rio, mit schottischem Whisky einst auf den Namen ›Rio Reiser‹ getauft – hatte ich keinen direkten Ausblick auf die Straße. Eine absichtliche Fügung des Schicksal, ein irrtümlicher Zufall, eine erfreuliche Vorsehung [sic!] – und Pech für vorüberziehende Freiluftschwärmer, denn ihre neugierigen Blicke blieben mir verwährt, ihre Geräusche jedoch, die musste ich mir gönnen. Das Glück war mir in den nächsten Stunden indes beschieden, wenige Menschen schleppten ihre Körper in die aufkommende Finsternis, obgleich es doch eine bezaubernde Sommernacht werden sollte – eine ausnahmslos nach meinem Geschmack: mild und mit einer erträglichen Frische versehen. Nichtsdestotrotz zog ich es vor, mir eine lange Hose anzuziehen und einen Hoodie – einen Kapuzenpullover mit Reißverschluss – überzustreifen. Mit warmer Klamotte machte ich mich ergo daran, mein Buch auf der Seite aufzuschlagen, wo ich zuletzt stehen geblieben bin. Bezeichnenderweise handelte es sich um einen ›Hund-Mensch-Roman‹ mit prekärer Ausgangslage, sowohl für den Protagonisten, als auch für seinen neuen Freund auf vier Pfoten. Für einen kurzen Abriss: Die junge Hauptfigur verliert bei einem Unfall das Augenlicht, ohne jegliche Aussicht darauf, es wiederzuerlangen. Ein durch mehrere Vorbesitzer gegangener und ausgebildeter Blindenführhund, ein schwarzer Labrador, soll in Bälde in sein Leben treten und es erleichtern. In der B-Story wurde eine Romanze eingewebt. Geschrieben hat es der blind geborene Tom Sullivan unter Mitwirkung von Betty White (bekannt aus der Serie ›Golden Girls‹). Es ist bereits mein drittes Werk von diesem Autor, und ich kann jetzt schon festhalten: Ich liebe es.
Nicht nur das Druckerzeugnis mit dem deutschen Titel ›Blinde Liebe‹ zog mich in den nächsten Stunden in den Bann. Das wundervolle Spätsommermärchen mit der umgebenden friedlichen Stimmung sorgte dafür, dass ich mich geborgen und überaus wohl fühlte. Recht schnell kam in mir die Erkenntnis auf, dass ich das wesentlich früher hätte tun sollen. Ab und zu legte ich sogar eine Lesepause ein, um den Augenblick (des Seins) zu genießen. Still und leise fragte ich mich, in einem jener Momente, warum es so viel schöner hier draußen war, als nur unweit entfernt in meiner kleinen ›Raucherhöhle‹. Dort oben hatte ich alles, was mein Herz begehrt, da unten lediglich Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit, die einst mein Herz mit Tiefgang erfüllte. Abgesehen von Lese, Rauch- und Trinkstoff blieb mir nur mein Selbst übrig – ergo: ein Ich einsam und verlassen auf sich gestellt. Müden Geistern hilft bekanntlich Alkohol, daher holte ich mir eine weitere Flasche Bier, um die ruhige Kontaktlosigkeit zu ertragen und länger in ihr zu verweilen, was sich schließlich als kein Fehler herausstellte. Betrunken konnte ich eh nicht werden. In Oberfranken gelten drei sogenannte ›Seidla‹ (0,5 Liter) eher als Zubrot zu einer Mahlzeit. Trotzdem und irgendwann, nach einigen Stunden, entschied ich mich, mit der letzten, zur Hälfte leer getrunkenen Pulle, der Nacht einen schönen Tag zu wünschen. Wenn man anfängt, mit seinen längst verstorbenen Hunden zu quatschen, als seien sie von den Toten auferstanden, muss man sich eingestehen, dass man entweder zu tief ins sprichwörtliche Glas geblickt hat oder – nett ausgedrückt – eine bizarre Form von Sentimentalität zum Ausdruck brachte. Ein paar bittere Tränen durften natürlich fließen, nicht wegen der Lektüre – und dennoch muss ich ihre kurze Existenz (mir selbst) eingestehen. 

Will ich vom schönsten Tag in diesem Jahr reden? Zumindest vom schönsten Abend, den ich mit mir alleine verbrachte? Ja. Absolut. Denn die Zuversicht kehrte zurück und lebte fortan in mir. Ich werde es wiederholen, sagte ich mir. Früher oder später. Vielleicht nächstes Jahr im August? Und gegebenenfalls auf ein Neues an gleicher Stelle? Wer weiß?



      
0 Gedankenkommentare
  
Welche Farbe schwingt dein Wort? ↳K()m|\/|e|\|t|€r[- es↵
H I N W E I S: Durch das Hinterlegen eines Kommentars werden deine jeweiligen Daten hier im Weblog gespeichert (siehe Datenschutzerklärung). Nach dem Klick auf ↳K()m|\/|e|\|t|€r[- es↵ öffnet sich ein neues Fenster. Dort musst du deine Identität über reCAPTCHA bestätigen. Nach dem Einstellen des Kommentars wirst du auch eine E-Mail bekommen; dennoch: Deine Daten werden nicht an Dritte weitergegeben noch anderweitig (bspw. für Werbezwecke) missbraucht und dienen ggf. nur zur Kontaktaufnahme.

Und/oder: T[-I↳€ ↙es↘ ❤ Dank.

F()↳9€ ↙dem↘

WhatsApp-Kanal