(-;-) GzN

(-;-) aufgenommen via Integrated Circuit Recorder & zeitverzögert vertextet

Vom Mädesüß und Himbeerstrauch, Teil 7

Bewusste Klar-/Tagträume beginnen bei mir meist in strukturierten Schemen, gleiches gilt im Prinzip auch für gelenkte Traumreisen. Ausgangspunkt ist ein blauer Himmel mit weißen Wolkenblasen, deren Symmetrie rund erscheint. Oft kann ich in der dreidimensionalen Wolkenwelt nur schemenhaft zweidimensionale Abbildungen erkennen, gelegentlich sind diese auch mal klar, vor allem wenn ich sie schon besucht hatte. Hinter jeder von ihnen verbirgt sich eine andere Traumwelt. Da ich körperlich ungebunden zu sein scheine, kann ich mir quasi aussuchen, wo ich eintauchen werde. Wenn ich ambitioniert und mit Tatendrang in die anderen Realität des Seins eindringe, suche ich gezielt nach schon bekannten Bildern in den Wolkenblasen oder neuen, die vom Gefühl her in eine gleiche vergangene Zeit führen, die ich besuchen zu gewillt bin. In dieser Übersichtswelt kann ich natürlich auch in gegenwärtige Handlungsstränge eintauchen oder in solche, die in eine Zukunft führen. Raum und Zeit spielen ergo  untergeordnete Rollen in meiner persönlichen "Schaltzentrale der Träume", dennoch habe ich keine Freifahrtkarte. Ich kann die Bilder in den Wolken nicht erschaffen, sondern nur von/auf denen ab-/zugreifen, die bereits vorhanden sind. Auch hier gibt es Ausnahmen, aber ich manipuliere mich selbst ungern.
[Eine "Fußnote" lasse ich aus.]

Manchmal weiß ich nicht, wohin mich ein Blasenbild führt. So kann es vorkommen, dass ich mich irre und mich ganz woanders wiederfinde, als ich es ursprünglich dachte oder plante. Mein erwähnter Traum führte mich in so eine Weltenzeit. Trotz ungenauer Darstellung war ich der festen Überzeugung, dass mich meine Traumreise in die Bulgan Taiga der Mongolei führen würde. Das Bild eines offenbar nicht gepflasterten Weges mit Nadelbäumen links und rechts, deren Beschaffenheit ich nicht ausmachen konnte, war ein deutliches Indiz für mich. Leider sollte ich mich nicht nur beim Ort irren, sondern auch in der Zeit. Statt 2000 Jahre in der Vergangenheit musste ich wohl in einer Zukunft "gelandet" sein. Das war jetzt nicht so schlimm, ich konnte ja jederzeit den Ort wieder verlassen, doch normal entspricht das nicht meiner inneren Gesinnung. Es war auch nicht so, dass mir diese Erkenntnis sofort klar wurde. Ich stand also auf diesen Pfad, und mein Gefühl erkannte, dass der Weg offensichtlich geteert war. Ich erwartete lediglich einen Trampelpfad, wenn überhaupt. Alles deutete darauf hin, dass ich mitten auf einer Alleestraße stand, die breit genug für ein Auto war, viel zu schmal allerdings, dass zwei aneinander vorbeifahren könnten. Was mich mehr irritierte war jedoch die Geräuschlosigkeit. Ich hörte, ich roch nichts und - jetzt kommt es - ich spürte auch nichts. Ich konnte nur sehen und in der Weise fühlen, wie es mir in der Wachwelt möglich war. Mein Schlussfolgerung war: das muss die Zukunft sein, denn wenn man es gewohnt ist, nur das zu empfinden, was gegenwärtig oder vergänglich passiert/e., dann ist es unmöglich in der gleichen Intensität in einer noch nicht stattgefundenen Realität ähnliches zu schaffen. Man kann da nichts schaffen, weil noch nichts Geschaffen wurde. Es existiert zwar, aber es ist nicht erfüllt von Leben. Und genau das erkannte ich sogleich - hier gab es offenbar kein Leben. Keine Vögel, keine Menschen, keine Insekten, keine anderen Säugetiere - nicht einmal die Pflanzen und Bäumen schienen zu leben.
Was mir einzig blieb war die Fähigkeit des Sehens, denn was nützte mir Empathie in einer unlebendigen Gegend in einer unbekannten Zeit? Ich testete also mein Sehvermögen. Nach vorne konnte ich problemlos schauen, nach links und rechts war es auch möglich wenn auch eingeschränkt. Peripheres Sehen schien nicht möglich - schlimmer noch: der Blick nach hinten blieb mir gänzlich verborgen. Ich machte keine Anstalten es ausdauernd zu probieren, ich fühlte, dass es nicht möglich war, was mir genügte, auch wenn es mich nicht gerade befriedigte. Es war dennoch kein unsicherer Umstand, aber ein anderer. Ich überlegte kurz, wie es sei, wenn man ein gepanzerter Käfer wäre. Man sieht den Vogel von oben nicht kommen und die eigenen Füßchen nur mit größter Anstrengung. So "gesehen" hatte ich Vorteile, denn das war mir beides möglich. Ich war mehr als ein Käfer! Obgleich: Nach oben war die Sicht zwar frei, dennoch stark ingeschränkt. Die Baumkronen schlossen nach etwa zwanzig Metern so ineinander, dass ich den Himmel darüber nur erahnen konnte. Ich schaute nochmals nach links und rechts, zuerst nach rechts, wo ich hinter den Bäumen dicke Hecken erkannte, die jede weitere Sicht in dieser Richtung unmöglich machten. Ich wollte mir den prüfenden Blick nach links schon gänzlich ersparten, tat es allerdings dann doch. Ich war nicht überrascht ein gleiches Bild zu erkennen. Was blieb war die Augen nach vorne zu richten und die Möglichkeit den Weg in diese Richtung zu beschreiten.
Ich wollte es tatsächlich tun, also nach vorne laufen, doch ehe ich damit anfing, überdachte ich mein Vorhaben nochmals. Es war so wie wenn man eine gut befahrene Straße überqueren will. Das Prinzip der Sicherheit lautet: erst schauen, dann gehen. Blind loslaufen ist nicht unbedingt der beste Plan. Also schaute ich. Schnell erkannte ich dabei, dass ich wirklich gut in die Ferne blicken konnte, also extrem gut und scharf. Das machte mich zuversichtlich, jedoch nicht im Vorhaben jetzt loszulaufen. Warum sollte ich das tun? Der Weg war schon da, ich musste ihn nicht beschreiten. Ich konnte alles so klar sehen, als ob ich direkt davor stehen würde. Und da war jetzt noch mehr: Ich bemerkte, dass ich beim Weitsehen auch wieder fühlen konnte. Und mit dem Gefühl kamen einigen Sinne in mir auf, allerdings nur solange, wie ich mein Augenmerk nach vorne fokussierte. Ich vermochte zu riechen, wie es circa fünfzig Meter vor mir roch. Ich spürte einen zarten Windhauch, ich konnte ihn hören wie er zärtlich etwas streichelte. Auf meiner Zunge schmeckte ich förmlich seine saubere Luft, die sich augenblicklich verwandelte. Es war eine süße und zugleich bittere Note, die jetzt auch meinen Gaumen umschloss. Nun wusste ich: Da vorne war Leben und es manifestiert sich in mir!
Hinlaufen war jetzt keine Option mehr. Das Sehen war das neue Laufen. Wozu sollte ich noch so sehen, wie man normal die Dinge wahrnimmt? Ich versuchte also tiefer zu gehen und schaute mir die Moleküle der Geschmacksnoten genauer an. Mir war klar, wenn Leben von etwas angeregt wird, wie hier dem Wind, so wird eine Strahlung erzeugt. Denken ohne zu denken, Sehen ohne zu sehen, Schmecken ohne zu schmecken, Riechen ohne zu riechen. In meinem Mund war alles, was ich wissen musste und mein Mund sprach ein Wort: "Herber Zuckeräther".

Später und in der Wachwelt konnte ich mir erklären, was ich mir selbst hier sagen wollte. Ich schmeckte süße Himbeeren im Mundraum, die ummantelt waren von herben Mädesüßbestandteilen. Mit dieser Gegenprüfung wurden mir mein Empfindungen bestätigt und obendrein das, dass die Zukunft nicht so bitter sein kann, wie es mir das gegenwärtige Bild aktuell aufzeigt.
Der Ort meines Traums war der Ort der Zerstörung in einer möglichen Zukunft. Der heute triste Weg erschien wieder augenscheinlich renaturiert, das Leben dahinter war versteckt, dennoch mit einer unglaublichen Reinheit vorhanden, die man lediglich dann erkennen konnte, wenn man sich auf das Umgebende in der Ferne einlassen konnte.
Und um es vorweg zu nehmen: Die Wachwelt sollte mir einige Tage später noch eine weitere, diesmal eine nasale Erkenntnis zu Teil werden lassen.

      
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