(-;-) GzN

(-;-) aufgenommen via Integrated Circuit Recorder & zeitverzögert vertextet

Die Mongolenkönigin, Teil 5

Straßen. Unentwegt geht es bei mir um Straßen. Zuerst um Straßen, dann um Wege, darauf folgen Gassen, später Alleen und ganz selten erwähne ich auch konkrete Formen wie Sackgassen oder Einbahnstraßen, das aber nur selten. Mich interessieren Straßen (sic!). Ich lege Wert darauf, dass sie keine Namensgeber haben oder ihnen (ein solcher) gewidmet wurden, dann lieber unsinnig und ohne jeglichen Bezug - was sie allemal sollten ist klingen - blumig, pflanzlich, bäumisch oder sträuchisch. Ich mag die einfache Kombination Nomen plus Straße oder weitläufiger die Variante aus gebeugtem Adjektiv und Nomen. Alles muss dabei immer zusammengeschrieben werden. Ein "Neue Straße" schreckt mich gleichsam ab wie eine "Straße an der Neuen" oder eine "Neue-Neu-Straße", hingegen mich die "Neustraße" eher beruhigt - im Vergleich, versteht sich, denn: ich mag es eher natürlich. Eine Baum-, Strauch- oder Pflanzenart geht ergo immer.

Ich gehe jeden Morgen gen Norden auf dem Holunderweg. Halbrechts kreuze ich den Ahornweg, ganz rechts den Buchenweg, dann folgt eine komplette Kreuzung aus Schlehenweg zur linken und dem Fichtenweg zur rechten. Im Trott laufe ich den Holunderweg weiter. Es folgt eine Ringstraße mit gleichem Namen. Der Holunderweg kommt mir schon vor wie eine Straße, denn er ist gefühlt lang und wird schmal am Ende. Er kreuzt mit mir den Verkehrsring und schleicht gassenförmig bis zur ersten und einzigen Ausnahme - dem "Am Schelmängerle". Wie putzig das auch klingt, dieses "Am" regt mich auf. Am Ende der Nordlinie und nach der Überquerung des "ängerlnden Schelms" ist der Holunderweg namenlos. Eine kleine Passage zwischen den letzten beiden Häusern des Dorfes führt mich auf eine landwirtschaftliche Streuwiese, die fürs Einstreu und als Tierfutter dient und eben je nach Pächter unterschiedlich oft oder selten und so weiter behandelt und bearbeitet wird. Das ist mein unspektakulärer täglicher Morgengang mit Hund in Arbeitswochen und immerwährenden im schlendernden Tempo, denn alle Wege klingen den Namen nach nicht nur wohlriechend, sie sind es auch für alle ordentlichen Nasengänger. Bei Betrachtung manch fremder und doch gleicher Artgenossen meines Vierbeiners hadere ich zwar an deren Weltanschauung, aber das führt am Thema ebenso vorbei wie deren Zweibeiner ihre auserkorenen Geschöpfe im flotten Marsch vorbeiführen an den hinterlassenen Geruchsmarken der Vorgänger an den Grünstreifen, Büschen oder Bäumen am Rande der Bürgersteigpfade der pflanzlichen Wegnennungen. In meiner kleinen Welt gibt es hier keine Holunderstraße, keine Ahornstraße, Schlehenstraße oder Fichtenstraße - alles sind Wege, wie lange sie auch immer sein mögen. Das Prinzip "Auf Wegen soll man gehen, auf Straßen fahren" hat leider keine deutliche Gültigkeit.

Wer denkt ich renne am Thema erneut vorbei, der irrt. Ich denke klar und beschreibe beiläufig. An den Todesplätzen von Himbeerstrauch und Mädesüß* wandere ich vorbei zwischen Feld und Flur und wahrscheinlich zwangsenteigneten Überresten von Schrebergärten, um am Ende wieder auf einen Weg zu treffen, der sich im Titel der Erzählung wiederfindet, allerdings in femininer Form. Maskulin nennt er sich Königsweg. Dieser Weg wäre mein direkter Weg zum Wald, doch da ich dem Lauf des Holunders folge, wird er zu meiner Strecke zurück auf Start. Am Ende des Dorfes und des Weges bin ich nun und doch nicht. Was den Königsweg auszeichnet sind seine zahlreichen Verzweigungen gen Westen, die alle wie Adern auf einem halbierten Blatt seinen Namen tragen. Halbiert deswegen, weil es in Richtung Osten keine Seitengassen gibt, in denen sich "hübsch" an- und nebeneinander Reihenhausformationen gesellen. Dieses kontrollierte Chaos macht auch am Ende (oder am Anfang) lediglich eine sprachliche Ausnahme, bei der letzten (oder ersten) Gasse, liest man nämlich ein anderes Straßenschild, auf dem "Sandweg" steht. Dort lebt neben einem Schlawiner-Golden-Retriever-Rüden auch ein Blutpflaumenbaum. Wenn man mich fragen würde, so hieße der Sandweg eher danach, aber wer fragt mich schon? Ohnehin ist der Sandweg für diese Geschichte uninteressant, obwohl... ich glaube auch, dass die Grundstücke mit Garten nach hinten raus auch noch den Namen Königsweg tragen dürften. Wenn meine gerade geäußerte Vermutung stimmt, so war alles Gesagte wohl falsch. Und! Aber! Oder!? Auch?? Nein: Und! Und ja, jetzt schweife ich ab. Bravo!

Wir oder vielmehr ich war am Ende des Dorfes und am Ende des Königswegs, der nicht zum Königsthron führt, sondern in den nützlichen Wald (= "Nutzwald"); Auch dieser hat einen Namen, einen Vor- und einen Zusatz, die beide zusammen Sinn ergeben, deuten sie doch die Richtung an. Nun, jedenfalls ist die letzte Hausnummer des Königswegs wie der Wegesname an sich unsinnig. Obendrein sucht man bei der gesamten Nummernfolge vergeblich nach der strukturierten Anordnung und vergisst dabei gänzlich den Erfinder dessen infrage zu stellen, den man eigentlich gar nicht kennenlernen will. Ein klares Verhältnis zwischen Straßenseite und einer Hausnummernvergabe ist für mich ein unausgesprochenes Heiligtum, das so festgeschrieben steht: Rechts gerade, links ungerade Zahlen. Beim Königsweg gilt diese Regel nicht, denn die Zahlenspielwiese ist wegen der vielen Verzweigungen schon so abstrakt wie der Denkapparat des gewohnheitsgeformten Menschenverstandes. Ich weigere mich darauf näher einzugehen. Würde ich es aber tun, so gäbe es wohl annährend doppelt so viele Nummern, weil es links NIE gerade Zahlen geben dürfte - ergo: diese müsste man auslassen/streichen.
Nochmal zum Ende des Dorfes, welches tatsächlich die Stellung einer Marktgemeinde hat (, wo auch immer dieser Markt ist - ich hab ihn nach so vielen Jahren noch nie gefunden). Die letzte Hausnummer des Königsweg alias Waldrandweg (wegen dem Zielpunkt) beziehungsweise der Waldrandstraße (wegen der Länge) spielt keine Rolle. Es gibt ein letztes Haus, es steht auf der Ostseite und gehört nicht dem Königsweg an. Würde es dazugehören, hätte die Straße zum Waldrand oben wie unten die gleiche Hausnummer nur seitenverkehrt - und zwar die Eins. Osten ist im Bilde rechts und Zahlen auf der rechten Straßenseite sollten nach meiner Heiligsprechung stets gerade sein! Der Königsweg hat zwar eine Nummer Eins auf der linken Seite, aber auch eine Nummer Eins A plus eine Zwei auf ein und dergleichen Seite! Das tatsächlich erste Haus (auf der rechten Seite) hat dagegen die Nummer Vier. Wer kann meine Verzweiflung erkennen?!?
Contenance! Contenance! Ich bringe das jetzt zu Ende! Nur wie? Wie nur?
Okay, ungefähr dort, auf Höhe des letzten Hauses, sah ich die Mongolenkönigin zum ersten Mal. Warum ich sie mit "Mongolen" gleichsetze, erkläre ich jedoch hier nicht. Ich habe keine Lust mehr. Mich beschleicht soeben das dumpfe Gefühl, dass es für heute genug und ein deutliches Zuviel ist der Worte über Wege. Und im Übrigen geht es bei mir ja tatsächlich - dem eingängigen Adjektiv folgend - unentwegt um Straßen. Was kümmern mich da also Wege, so wohltuend sie auch klanglich auf einen einwirken, wenn man es will? Just bin ich dazu nicht "willig" genug, um final fortzufahren. Leider, schade und doch: Setzen, Sechs - Themaverfehlung! Ich bin so stolz auf mich. Weit nach Mitternacht, zehn vor Eins - und nichts geschafft. Ich habe es immer noch drauf, kenne ich mich doch auch gar nicht anders. Punkt. Punkt mit Exklamation!
[Was für ein scheiß Eintrag. Stinkende Eigenkritik quasi...]


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* siehe die Erzählung "Vom Mädesüß und Himbeerstrauch"
      
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