Der neue Psalm besuchte mich am zweiten angebrochenen Morgen um etwa halb 9, als ich mal wieder – wie an jedem Tagesbeginn – zu meinem ›Losungsbüchlein‹ griff. Auch diesmal war mir das Glück beschieden, denn der Tagesvers des Alten Testaments schlug den Psalm 90 von Moses vor. Die vielleicht bekannteste Passage will ich mal zitieren (nach ELB 1871):
›Denn tausend Jahre sind in deinen Augen wie der gestrige Tag, wenn er vergangen ist, und wie eine Wache in der Nacht.‹
(Notabene: Das war der 4. Vers; das Gebet Moses umfasst gesamt derer 17.)
Während ich das las, traf mich ein mittlerweile über zwei Dekaden lodernder Hintergrund mitten ins Herz, den ich nun zu erzählen versuche.
Am Anfang der sogenannten ›0er-Jahre‹ war ich für eine längere Zeit Teil einer ökumenischen Meditationsgruppe geführt von einer evangelischen Klosterfrau. Der kleine, überschaubare Haufen traf sich einmal in der Woche im Markus-Haus auf dem Inselgebiet der Stadt Bamberg. Daneben gab es gelegentliche ›Sonderveranstaltungen‹ an Wochenenden, manche davon gingen sogar über die zwei arbeitsfreien Tage – und eine solche spielt hier mit ein. Es musste ein Samstag im Frühjahr 2002 gewesen sein, der Wonnemonat war angebrochen, das exakte Datum kann ich leider nicht mehr ausmachen, ich bekomme es nicht mehr aus meinen Gehirnwindungen herausgepresst. Abgesehen meiner Erinnerungslücken in dem Bezug – und unabhängig davon – gab uns die liebe Ordensschwester zur Mittagspause des ersten Tages (Samstag) eine Aufgabe mit, die da in etwa so lautete: ›Sucht euch bis morgen fünf Psalmen aus, die euch besonders interessieren oder ansprechen und pickt danach einen davon heraus, über den ihr dann am Sonntag meditiert.‹ Das war natürlich nicht ihr Wortlaut, aber es kommt ungefähr hin, zumindest der Kern der Botschaft, ... Wie auch immer, ich bat unsere Leiterin – sie war bereits im hohen Alter (ich schätze circa 70 Jahre) –, ob ich eventuell die freie Zeit hier verbringen könnte, was sie mir auch gestattete. Für die nächsten zwei Stunden war ich somit in unseren ›Heiligen Räumen‹ alleine. Ich schnappte mir eine Bibel und ging die engere Auswahl meiner Lieblingsgebete oder Lobgesänge durch. Relativ schnell hatte ich drei Psalmen von David für mich gefunden, begonnen beim ›Klassiker‹ ›Der gute Hirte‹ (Ps. 23), darauf folgend ein ›Gebet zu Errettung boshafter Feinde‹ (Ps. 35) und zu guter Letzt der ›Hilferuf gegen Widersacher‹ (Ps. 70). Jetzt, so dachte ich mir damals, benötigte es einen, der gemeinhin oft Mose zugeschrieben wird. Ich entschied mich schlussendlich für ›Unter G*ttes Schutz‹ (Ps. 91). Bei der #5 war ich mir indes unschlüssig. Ich haderte zwischen den Psalmen 90 und 109. Dann, ex abrupto, passierte etwas Unvorhersehbares, das mir die Qual der Wahl gänzlich abnahm, das heißt meinem jungen Ich, welches noch keine 23 Entstehungsjahre zählte. Doch nicht nur der Patron meines alten Ichs kam zu einem Schluss, die Ordensschwester ebenfalls. Was war also geschehen?
Selbst in der Reflexion, muss ich mir eingestehen, dass ihr etwas früheres Eintreffen, ihre Rückkunft, einen leicht peinlichen Moment für mich darstellte. Denn währenddessen ich den Psalm 109 ungefähr zur Hälfte gelesen hatte, schlief ich auf dem weinroten Diwan ein. Ratzfatz knackte ich einfach weg; eine Kleinigkeit zu Mittag zu essen wäre sicherlich keine schlechte Entscheidung gewesen. Ich wollte aber nicht mit vollem Magen am Nachmittag weitermeditieren. Verdauungsgeräusche können irritierend sein. Jedenfalls und immerhin war ihre Reaktion überaus herzlich, sie bestand im Grunde darin, dass sie nichts tat. Sie ließ mich schlafen und weckte mich nicht auf, als ob es das Natürlichste auf der Welt gewesen wäre, wenn jemand in diesen Räumen ein, in meinem Fall, unfreiwilliges Nickerchen hielt. Irgendwann, und kurz bevor die anderen Teilnehmer zurückkamen, wachte ich von alleine wieder auf. Auch heute vermute ich noch, dass ich ehemals ihre Ausstrahlung gespürt hatte, sie irgendwie vernahm. Als ich meine Augen schließlich öffnete, stand sie nur ein paar Zentimeter entfernt vom Liegesofa, dort wo meine Füße lagen, und suchte nach einem bestimmten Buch im nebenstehenden Regal, welches sie mir – das kann ich vorweggreifen – später sogar schenkte. (Es war ein Werk von Franz von Assisi mit hellblauem Einband.) Nachdem sie es ausmachte, wandte sie sich kurz zu mir und sprach mich an. Leider kann ich mich nicht mehr an ihren genauen Wortlaut erinnern, doch die Essenz ihrer Aussage bekomme ich nach wie vor hin. Sie belief sich auf die schlichte Wahrheit, dass man schlafen sollte, wenn man müde ist und dass das völlig in Ordnung sei. So ungefähr ihre Verlautbarung – und damit war das Thema schon beendet. Die anderen Teilnehmer, die wenig später zurückkamen, erfuhren davon natürlich nichts. Es blieb sozusagen ein Geheimnis zwischen uns – bis zum jetzigen Zeitpunkt –, weil sie bemerkte, dass mir die Situation peinlich war. Dafür bedurfte es keiner Worte, und ihr Schweigen war die beste Antwort.
So viel oder wenig zur Vorgeschichte – zurück zum Anfang, back to the Psalm of Moses und den ›tausend Jahre sind in deinen Augen wie der gestrige Tag, ...‹. Da ich es bislang nicht erwähnte, dieses Zitat ist ein Vers aus dem Psalm 90! Um das geradlinig in den Kontext zu setzen, die Verständnis zu wahren, nochmals zur Erinnerung (– und nicht nur quasi) ein Eigenzitat: ›Ich haderte zwischen den Psalmen 90 und 109.‹ Die Konsequenz folgte bald darauf auf dem Fuße. Seit dem zweiten (neuen) Morgen und nach einer ersten Tasse Kaffee fiel mir wieder jene alte Geschichte ein; darüber hinaus entdeckte ich meine Psalmensammlung von einst, bestehend aus drei doppelseitig bedruckten DIN-A6-Blättern, ohne danach zu suchen. Sie befand sich in einem kleinen (hellblauen) geklammerten Heft des Projektion-J-Verlags. Dahinter steckte eine übersetzte Ausgabe aus dem Englischen, angefertigt von Claudia Uhlenberg im Jahre 1995. Der US-amerikanische Autor schrieb das nicht einmal 30 Seiten fassende Heftchen ein Jahr davor und sein Name lautet auf Lee Strobel. Die deutsche Fassung bekam den provokant-fragenden Titel ›Was würde Jesus zu Madonna sagen?‹ –, das Original dagegen begnügte sich mit ›What Jesus would say‹ und erwähnte die Queen of Pop mit keiner Silbe. Warum? Weiß ich nicht. Ich hatte in der Broschüre – von einem Buch zu sprechen, sei verwegen – aus purer Neugier ein wenig hineingeschaut und konnte mich partout nicht entsinnen, das Teil jemals gelesen zu haben. Möglicherweise hatte ich es anno dazumal mal von einer Frau, einem (geistig) jüngeren Exemplar, geschenkt bekommen, an die ich mich ebenso nicht mehr erinnern konnte. Beides, das Heft und die gute Dame – sie ist gegenwärtig bestimmt mittlerweile eine Dame –, bleibt ein ewiges Mysterium. Weswegen ich seinerzeit beschloss, meine Sammlung von Psalmen dort hineinzulegen, ist ein fester Bestandteil des niemals auflösbaren Rätsels. (Ein Anhaltspunkt wäre gegebenenfalls der hellblaue Farbton, der dem Assisi-Werk durchaus ähnelt.)
Sei es wie es sei, meine Blätter mit den fünf ausgewählten Psalmen überlebten die Jahre bezeichnenderweise recht gut in der Heftbindung mit unbekanntem Inhalt. Die Außenseiten wirkten zwar deutlich verschlissen, die Texte dagegen sind/waren im tadellosen Zustand und konnten mühelos gelesen werden. Nebst eine handschriftliche Anmerkung beim Psalm 70 ging nicht verloren. Auf einem dieser 3 Zettel befinden sich die David-Psalmen 23 und 70 sowie auf der Rückseite der Moses-Psalm 91. Ein anderes Blatt zeigt den Psalm 35 von David mit seinen 28 Verszeilen. Das letzte Stück Papier führt folglich den 109. Psalm (mit 31 Versen) auf, der – und jetzt, nach gefühlt zu vielen Zeilen, kommt tatsächlich die Auflösung der Konsequenz –, ab sofort in meinem persönlichen Psalms Ranking auf den Platz Nummer 6 abfällt. Ersetzen wird ihn – der aufmerksame Leser kann es sich denken – der Moses-Psalm 90!
Ob ich vielleicht demnächst frische Zettelchen drucken sollte? Ich glaube eher nicht. Doch wenn doch [sic!], dann sollte die unrevidierte Elberfelder Übersetzung aus 1871 dafür herangezogen werden, die mir zu vergangenen Zeiten offenbar noch nicht vorlag. Und mit einem Happen mehr Muse, könnte ich in dem Atemzug gleich die anderen Psalmen auf Vordermann bringen. Tue ich es, wage ich mich daran, wandert die ›Neuauflage‹ in mein kleines ›Detox-Büchlein‹. Fest steht allemal: Die alten Druckerzeugnisse verduften – so oder so – abermals im ›Madonna-Heft‹, für immer und ewig, bis sie unter Umständen jemand nach meinem Entschwinden entdeckt. Egal was geschehen wird, ich denke, es hat mich nicht mehr – und auch sonst niemanden dereinst – zu kümmern; es bedarf ergo keiner weiteren Erwähnung. Tausend Jahre sind ein Tag, ...
